Amokläufer
Vor der Tat werden sie nicht ernst genommen und nach der Tat stürzt sich die ganze Welt auf sie. Amokläufer sind unberechenbar und aggressiv? Niemand kennt bisher die genauen Motive, was Amokläufer dazu bringt, unschuldige Menschen zu töten. 1985 erschoss der damals 32jährige Markus Bitsch in der Nähe von Karlsruhe fünf Menschen und verletzte fünf weitere schwer.
Der Film beschäftigt sich mit der Vorgeschichte des Amokläufers und der Frage der Verantwortlichkeit. Wurde alles getan, um diesem kranken Menschen zu helfen? Ausgangspunkt der filmischen Erzählung ist die Straße, die Bitsch während seiner Amokfahrt befuhr.

"Bei seiner Verhaftung kochte Volkes Seele. Doch die vermeintliche
'blutrünstige Bestie' bestand seit Jahren selbst nur noch aus Angst, war
hochgradig psychisch krank. Christoph Felder verzichtete in seiner
Rekonstruktion der Vorgeschichte dieser Bluttat auf Kommentare. Der Text aus dem Off war so nüchtern wie Gerichtsprotokolle und Sachverständigengutachten entnommen, begnügte sich mit biographischen Daten und deren psychologischer Deutung. Parallel dazu: die 15 Kilometer lange blutbefleckte Strecke zwischen dem Wohnhaus des Amokläufers und dem Ort seiner Überwältigung, aufgenommen mit subjektiver Kamera. Die Fahrt stoppte an jenen Punkten, an denen er drauflos schoss. Das schockt, vor allem als eine Überlebende ihre Schilderung nicht zu Ende bringt, zusammenbricht und aus dem Blickfeld der Kamera geht.
Es schockt aber auch das Ergebnis von Felders Recherche: Der frühere
Bewährungshelfer des Amokschützen und sein Verteidiger, genauso wie ein
Polizist und psychisch Kranker, der zu interpretieren versuchte, was in dem
Täter vorgegangen sein mag, liefern Steinchen um Steinchen im Mosaik der
neuen Anklage. Und die richtet sich in Felders Film auch ohne explizit
formuliert zu werden, gegen die Ignoranz und Gleichgültigkeit der
Mitmenschen: in diesem Fall kein urbanes Phänomen, sondern so geschehen in
einem badischen Dorf. Immerhin sandte der Mann mit den Jahren stärker
werdende Signale einer psychischen Krankheit aus. Das Verantwortungsgefühl
der Mitmenschen wäre da gefordert gewesen - diese Erkenntnis muß
schämenderweise aus dem Mund eines lebenslang gezeichneten Opfers
kommen." (Süddeutsche Zeitung, 2.9.91, Sybille Neth)