Viva Minerva
In den Märchen ist es ein ganz alltäglicher Vorgang: da verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen und aus dem Aschenputtel wird die Königin. Doch so ganz ohne geht es auch im Märchen nicht: zuerst müssen allerlei Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.

Für Minerva war es ganz ähnlich. Es gab eine endlose Reihe von Vorauswahlen und Endausscheidungen, es wurde geprobt und getanzt, geredet und geprüft – und dann war es Wirklichkeit:
aus Minerva Caballero Garcia war Minerva I. geworden, Kinderkönigin des Karneval von Merida.

Merida ist die Hauptstadt von Yukatan im Süden von Mexiko. Hier beginnt die Welt der Kariben – und wenn Karneval gefeiert wird, dann ist das eine wichtige Sache. Minerva weiß, daß sie hohe Erwartungen erfüllen muß und daß sie eine wichtige – wenn nicht die wichtigste Person bei diesem Karneval ist. Sie genießt das Privileg, hoch auf ihrem königlichen Wagen in einer Wolke von bunten Federn und Pailletten durch die Stadt zu fahren, umjubelt von ihrem Karnevalsvolk.

Nein, sie sieht nicht, daß ihre prachtvolle Karrosse ein Reklamefahrzeug der örtlichen Keksfirma ist. Auch nicht, daß die Arme, die sich ihr entgegenrecken, lediglich die Plastikperlen und Kekspackungen einfangen wollen, wenn sie von oben unters Volk geworfen werden. Und daß kaum jemand aus der fröhlichen Menge am Straßenrand weiß, daß da gerade sie vorbeifährt – sie - Minerva die Erste, Königin von Merida !
Nein, wirklich - auf die Idee würde sie nie kommen.